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Lehre Jesu Christi

 

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

 

»Gotthold Ephraim Lessing«, ein Mitglied der »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland«, beschreibt in seinem theologischen Nachlass (von ca. 1780) die »Religion Christi« bzw. die »Lehre Jesu Christi« mit folgenden Worten:

  Zitiert nach Gotthold Ephraim Lessing: Frei in den heutigen Sprachgebrauch übertragen:
1. Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein Problem. Daß er wahrer Mensch gewesen, wenn er es überhaupt gewesen; daß er nie aufgehört hat, Mensch zu sein: das ist ausgemacht. Die Frage ob Jesus Christus mehr als ein Mensch gewesen ist, ist problematisch zu beantworten. Zumindest kann er ein historischer Mensch gewesen sein, wenn er existiert hat.
2. Folglich sind die Religion Christi und die christliche Religion zwei ganz verschiedene Dinge. Daraus ergibt sich, dass die Religion Christi / die Lehre Jesu Christi und die Christliche Religion zwei ganz verschiedene Dinge sein müssen.
3. Jene, die Religion Christi, ist diejenige Religion, die er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder Mensch mit ihm gemein haben kann; die jeder Mensch um so viel mehr mit ihm gemein zu haben wünschen muß, je erhabener und liebenswürdiger der Charakter ist, den er sich von Christo als bloßen Menschen macht. Die Religion Christi, ist diejenige Religion, die er als Mensch selbst ausgeübt hat und die auch jeder mit ihm gemeinsam haben kann, wenn er oder sie seinem Beispiel folgen möchte.
4. Diese, die christliche Religion, ist diejenige Religion, die es für wahr annimmt, daß er mehr als Mensch gewesen, und ihn selbst als solchen, zu einem Gegenstande ihrer Verehrung macht. Die Christliche Religion hingegen, ist diejenige Religion, die Jesus Christus zu mehr als einen Menschen macht und ihn zu einem Gegenstand ihrer Verehrung erhebt.
5. Wie beide diese Religionen, die Religion Christi sowohl als die Christliche, in Christo als in einer und eben derselben Person bestehen können, ist unbegreiflich. Es ist kaum nachvollziehbar, dass diese beiden Religionen, die Religion Christi als auch die Christliche Religion, ein und dieselbe Person zu meinen scheinen. 
6. Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze beider in einem und ebendemselben Buche finden. Wenigstens ist augenscheinlich, daß jene, nämlich die Religion Christi, ganz anders in den Evangelisten enthalten ist als die Christliche. Augenscheinlich ist, dass die Religion Christi, also die Religion die er als Mensch selbst ausgeübt hat, und die Christliche Religion, also die Religion die ihn zu einem Gegenstand ihrer Verehrung erhebt, ganz anders in den Evangelien enthalten ist.
7. Die Religion Christi ist mit den klarsten und deutlichsten Worten darin enthalten; Die Religion Christi / die Lehre Jesu Christi ist mit den klarsten und deutlichsten Worten in ihnen enthalten.
8. Die Christliche hingegen so ungewiß und vieldeutig, daß es schwerlich eine einzige Stelle gibt, mit welcher zwei Menschen, so lange als die Welt steht, den nämlichen Gedanken verbunden haben. Die Christliche Religion hingegen ist darin ungewiss und vieldeutig.

 

© Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 7, München 1970 ff., S. 711-712. Entstanden 1780, Erstdruck in: G.E. Lessings theologischer Nachlaß, hg. v. Karl Lessing, Berlin (Voss) 1784.